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HEUTE IN DER SCHULE.

Es war heute im Musikunterricht. Unser Fachlehrer stellt die beiläufige Frage: „Wer von euch spielt denn E-Gitarre?“ Ein paar Finger heben sich, keine Überraschungen, die Gitaristen der Klasse halt.

 Doch halt! Was ist das?! Hebt Opfer Nr. 1 etwa seinen unwürdigen Finger? HAHA! Stirb, Wurm. Jetzt geht’s los.

 „Oh, der große Rockstar! Los, zeig was du draufhast! ROCK’N’ROLL!“

Halt den Mund. Sagtest du nicht eben, niemand würde ausgelacht werden?

 „Komm schon, wir alle wollen dich spielen hören! Hau in die Saiten, du alter Rocker!“ Sie lacht sich fast halb tot. Und schon wittern ihre Geier Futter und stimmen in den Sprechchor mit ein. Wieder und wieder nennen sie seinen Namen, zwischendurch bricht mal hier, mal da einer in lautes Kichern aus. Ich kann sehen, wie er die Augen abwendet. Bestimmt heult er gleich wieder. Langsam verebben die einzelnen Stimmen, und als sie den letzten, einsamen Klatscher vollführt, sammelt sie sich kurz und meint übertrieben enttäuscht: „Och, was ist denn? Kannst du hinterher vielleicht gar nicht spielen?!“ Oh, wie witzig du doch bist. Ja los, komm, lach noch lauter über deinen eigenen Spruch, damit die Geier wissen, was sie tun sollen um verschont zu bleiben. Mitlachen.

 Er hebt den Kopf langsam und blinzelt stark, schaut einmal tapfer ungefähr in deren Richtung und schluckt einmal. Aber er wird früher oder später losheulen müssen, das hat er immer getan.

 

Ich stehe vor dem Lehrerzimmer und habe irgendwie Angst. Warum? Mir kann ja wohl kaum was passieren. Ich will doch helfen. Ich muss ihr helfen. Bevor was Schlimmeres passiert. Sollen wir es totschweigen, zur Polizei oder mit ihr reden? Aber ich darf es doch eigentlich gar nicht wissen. Während ich das hier schreibe, geht sie gerade online. Auf ihrem Profilbild guckt sie keck in die Kamera, so fern man das auf diesem winzigen Bild erkennen kann. Aber sobald ich ihren Namen anklicke, wird mir ihr Elend wieder vor Augen geführt, und ich fühle mich unglaublich unsicher; wie verdammt noch mal soll man sich in so etwas Schreckliches hineinversetzen? Hab ich überhaupt das Recht dazu? Aber dann denke ich mir wieder: Hier geht es nicht um nichtige Freundinnenschwüre. Es geht hier um die Würde und die Seele eines Menschen, ganz gleich ob Verbrechen oder nicht.

 Zu zweit beobachten wir die Lehrer, die ein- und ausgehen und warten darauf, dass einer von uns genug Mut hat. (Wofür eigentlich?) Da kommt unser Klassenlehrer den mit grauem Filzboden ausgelegten Flur entlang gestürmt. Er fragt, ob wir denn zu ihm wollten. Ich sage: „Nein, wir wollen zu einem Beratungslehrer.“

 „Ihr solltet aber zu mir wollen!“

 Ach ja? Haben Sie nichts zu tun? Wollen Sie ein bisschen Klatsch und Tratsch abkneifen?

 „Weswegen denn das?“, fragt meine Freundin neben mir. Ein genervter Blick, der genauso einem begriffsstutzigen Zweitklässler hätte gelten können.

 „Na, kaum sind die Ferien vorbei, gibt’s schon wieder Terror und es heult einer! Könnt ihr euch nicht mal zusammenreißen?!“ Schnalzend und affektiert enttäuscht schüttelt er den Kopf und geht durch die abgegrabbelte Tür des Lehrerzimmers. „Was war das denn?“, frage ich verstört. Schulterzucken meiner Freundin. Da kommt unser ehemaliger Biologielehrer vorbei. Er weiß auch ungefähr davon. Und da werden wir sofort wieder daran erinnert. Letztes Jahr hatten wir es uns vorgenommen. Und es ist einfach verdammt wichtig! Als wir ihn mit kurzen „Hallo“ begrüßen und er durch die Tür verschwindet, löse ich mich von ihrer Hand und fange die zurückfallende Tür ab, spähe in den Raum. Ich spreche meinen Erdkundelehrer an (Gott wie heißt der noch gleich oO) und frage ihn, ob er einen Beratungslehrer holen könnte. Er bejaht und schließt die Tür hinter sich. Zwischendurch kommt eine unauffällige Frau mit einer leeren blauen Tasse heraus und fragt: „Wer wollte was von mir?“ Keiner der umstehenden Schüler meldet sich. Also verschwindet sie wieder. Nach einer Weile kommt diese Frau wieder, und meine Freundin fragt: „Ähm, sind Sie die Beratungslehrerin?“

  „Ja! Ihr wollt also einen Termin?“

  „Öh, ja.“

  „Wartet, ich hole nur kurz meine Kalender.“

 „So, also ihr könnt in den großen Pausen kommen oder hier, hier seht ihr meine Freistunden. Vielleicht habt ihr ja ein Fach, wo ihr mal eher fehlen könnt…?“

 Ich deute auf Donnerstag. „Hier haben wir eine Doppelstunde Deutsch. Das ginge doch, oder?“

 „Ja natürlich! Dann bräuchte ich noch mal kurz eure Namen…“

Ich nenne Vor- und Nachnamen meiner Freundin, dann meinen. „Vorname reicht mir“, meint die Lehrerin dann aber, notiert sich Klasse und Namen und schließt das dicke Büchlein. „Wie läuft das mit Entschuldigungen und so?“, frage ich. „Kriegen wir so einen Schein, den wir dann unserem Lehrer geben oder sagen wir einfach –?“ „Ihr sagt einfach Bescheid, kommt hier ins Lehrerzimmer und dann gehen wir in einen leeren Raum“, fällt sie mir lächelnd ins Wort. Ich lächle auch, nicke, bedanke und verabschiede mich, und wir beide gehen zurück. Die Pause müsste gleich zu Ende sein. Irgendwie sind wir beide jetzt unheimlich befreit. „Wir haben den Termin gekriegt…“, singen wir und hüpfen auf und ab.

 

„Meine Damen, ich geh da lang, muss mein Fahrrad holen.“ Ich bleibe stehen und breite erwartungsvoll die Arme aus. Schnell drücken wir uns alle einmal. „Ach, hier! Wir müssen unserem Deutschlehrer noch sagen, dass wir morgen nicht da sind in der Vierten! Wegen dem Gespräch.“ „Da ist er doch!“ Oh. Tatsächlich. Hey, halt! „Entschuldigung!“, rufe ich und laufe hinterher. Er bleibt stehen. Meine Freundin gibt einer anderen zu verstehen, dass sie weghören soll. Super. Jetzt hört sie sicher zu.

 „Ähm, wir beide“, ich deute auf meine Freundin und mich, „sind morgen in der vierten Stunde nicht da, weil wir ein Beratungslehrergespräch haben…“ „Klassenprobleme?“ „Was -? Ähm, nein nein, nichts wegen heute oder so… privates.“ „Ah ja. Aber ihr müsst das Mädchen doch mal in den Griff bekommen! Wenn reden nichts hilft, dann zimmert ihr halt eine!“ Moment. Wie bitte?

 „Hab ich ja schon mal“, meint meine Freundin kleinlaut, „ich hab sie geohrfeigt. Aber sie schlägt dann natürlich zurück.“ Was verständlich ist, irgendwie… Er stöhnt entnervt. „Dann geht halt zu dritt auf sie los! Irgendwie muss man das Kind ja zu Vernunft bringen. Ich habe einfach keinen Bock mehr! Kaum acht Tage Schule und schon wieder so ein Stress. Ich habe heute wieder das wöchentliche Gespräch mit ihrer Mutter. Es geht mir echt auf den Wecker. Es kann doch nicht sein, dass sie euch alle so im Griff hat!“ Oh doch, das sehen sie doch. Und warum? Weil sie alles gesichtloses Unkraut sind, das sich nach jeder Sonne wendet, die gerade am stärksten brennt. „Was sollen wir denn machen? Wenn wir mit ihr reden, dann sagt sie einem nur wieder Sachen zu einem, die man nicht hören möchte“, wirft sie ein. Und bringt es, wenn auch am mildesten ausgedrückt, auf den Punkt.

 

Man möchte einfach nicht hören, was sie einem sagt.

 

„Ach!“, macht er nur. „Bist doch ein tolles Mädchen! Was soll sie da schon sagen?“ „Aber die Jungs hat sie auch am Zügel!“ „Die Jungs!? Wenn mir zu Ohren kommt, dass dich einer von denen anrührt…!“ „Ums Anrühren geht es uns ja nicht.“

 

Oder wozu sie andere bringt, sie einem zu sagen.

 

„Macht euch da mal Gedanken drüber, wie ihr sie zur Vernunft bringt.“ Oh. Gute Idee. Bin ich ja noch gar nicht drauf gekommen. Sie und ihr Einfallsreichtum. Wenn ich SIE nicht hätte. „Und sie ist ja noch nicht einmal schlau!“ Bei diesen Worten greift er sich an die Stirn, geht nahe mit seinem Gesicht an unsere und schreitet dann, ohne weitere Kommentare von uns abzuwarten, davon.

 

Habe ich das gerade alles richtig gehört?

 

Weil dieser inkompetente Schwachkopf KEINE LUST MEHR HAT seinen Pflichten als Pädagoge nachzugehen, stiftet er uns, die Chaosklasse, an, zu mehrt auf ein Mädchen loszugehen!?? Wie asozial ist das denn? Gewalt ist keine Lösung. Hat dieser Satz durch das vielfache Aufsagen auch bei den Predigern selbst die Offensichtlichkeit der Kernbotschaft verloren? Was heißt hier Kernbotschaft. Viel zu interpretieren gibt es da ja nicht. Hauen ist böse. So einfach ist das. Wenn ein Junge auf die Erdkundemappe eines Mädchens Beschimpfungen schreibt, ist Polen offen. Das wäre ja unter aller Kanone. Feige. Bescheuert. HAUPTSCHULNIVEAU. Wie er diese Worte um sich warf. Und jetzt sollen wir aus heiterem Himmel einer Mitschülerin den Mund mit Fäusten stopfen, weil das wöchentliche Gespräch dem gnädigem Herren allmählich anstrengend wird? Entschuldigung, aber dann hätten Sie nicht Lehrer werden sollen. Und von wegen: „Das habt ihr aber nicht von mir…!“ Vom wem sollen wir es denn sonst haben.

 

Und ich meine nicht nur die Idee, ein Mädchen zu verprügeln.

12.9.07 20:06
 


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